Inge Meyer-Dietrich

Schriftstellerin

Lyrik

Traumbuch

Ich wollte schon immer ein Vogel sein.
Gestern im Traum bin ich einer gewesen.
Ich saß im höchsten Buchenbaum
und habe - was sonst? - ein Buch gelesen.

Es war ein Buch nach Vogelart,
mal federleicht, mal flügelschwer.
Ich flog mit ihm im Traum davon
und wollte immer mehr!

Als dann der Traum zu Ende war,
bin ich kein Vogel mehr gewesen.
Geflogen bin ich immer noch,
hab einfach weiter gelesen.

© Inge Meyer-Dietrich

Veröffentlicht in: 12 Tonnen wiegt die Hochseekuh

Komm

Ich hab ein Land in meinem Kopf,
da sind Geschichten drin.
Und immer, wenn ich einsam bin,
dann flücht ich mich dahin.

Ich hab ein Land in meinem Kopf
mit Farben, bunt und schön.
Da kann ich, wenn ich traurig bin,
mir Bilder malen gehn.

Ich hab ein Land in meinem Kopf
mit Tönen, laut und leis.
Da spiel ich mir ein kleines Lied,
wenn ich nicht weiter weiß.

Das Land in meinem Kopf ist groß.
Da passt du auch noch rein.
Wir wären traurig oder froh,
doch nicht mehr so allein.

© Inge Meyer-Dietrich

Veröffentlicht in: Meine schönsten Geschichten zum Schulanfang und
Es war einmal ein Zweihorn

Wenn die Bären nicht wären

Es wird in meinem Leben
immer Bären geben.
Der erste war mein Schmusebär,
den nahm ich überall mit her.
Den nahm ich überall mit hin.

Er ist mir leider nicht geblieben.
Warum, das hab ich aufgeschrieben.
Jetzt lebt mein Bär in Büchern fort.
Satz für Satz und Wort für Wort.
Da hat er sein Zuhause.

Der Braunbär Max und seine Frau,
die Minka, ich weiß noch genau,
ich hatte sie sehr lieb als Kind.
Und wenn sie nicht gestorben sind ...
Das wär ein schönes Märchen.

Später kam mein Pu der Bär!
Ich glaub, da war ich ungefähr
so acht, vielleicht neun Jahre alt.
Wir liefen durch den Zauberwald.
Ich schmecke noch den Honig.

An Londons U-Bahn-Sta-ti-on
fand ich dann den Paddington.
(Ich weiß, dass er sich anders spricht.
Doch dann reimt sich's eben nicht.)
Bär mit dem blauen Hut.

Und die Kuschelbären, die vielen,
aus vergangenen Kinderspielen?
Die aus dem Land Eswareinmal?
Sie sitzen fröhlich im Regal.
Ich geh sie oft besuchen.

Ja, wenn die braunen, die weißen Bären
und all die schmusigen nicht wären?
Sicher würde ich Bärenerfinder.
Schon wegen der Kinder.
Jedem Kind seinen Bär!

© Inge Meyer-Dietrich

Veröffentlicht in: Bären!

Das Nashorn

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so wild geworden, dass es zornig bebt.
Ihm ist, als ob es nur den einen Ausweg gäbe:
dass es den Käfig aus den Angeln hebt.

Und ist es auch kein Panther, was da wütet,
und auch kein Tanz von Kraft um eine Mitte nicht:
Das Nashorn ist's, das Revoluzzerträume brütet,
das freie Nashorn, das die Ketten bricht.

Ich schwöre euch: Ihr werdet vor ihm zittern!
Denn jetzt noch Sklave, morgen ist es frei.
Kein Nashorn, wütend hinter Gittern.
Ein Anarchist! Drum ruft die Polizei!

© Inge Meyer-Dietrich

Aus: Das Nashorn geht ganz leise
und: Stimmenwechsel